Ein Mann kommt ins Coaching. Er wirkt alkoholisiert. Das Gespräch findet statt. Am Ende steht er auf, sagt, er gehe jetzt sein Kind vom Kindergarten abholen, und nimmt den Autoschlüssel aus der Tasche. Was tun in diesem Moment?
Solche Situationen sind selten und doch gehören sie zur Realität im Coaching. Es sind ethische Dilemmata. Situationen, in denen mehrere Handlungen gleichzeitig geboten sind – sich aber gegenseitig ausschliessen. Die Befolgung des einen Prinzips führt zwangsläufig zum Verstoss gegen ein anderes.
Im konkreten Beispiel steht die Notwendigkeit der Schadensvermeidung auf der einen Seite – und das Prinzip der Vertraulichkeit im Coaching-Setting auf der anderen. Die beschriebene Situation entsteht kurzfristig. Deshalb ist es notwendig, sich bereits im Vorfeld grundsätzliche Gedanken zu möglichen Reaktionsmustern zu machen.
Wie komme ich also zu tragfähigen Handlungsoptionen?
Die eigenen Werte und ethischen Grundsätze sollten mir bekannt sein. Mit dem Anschluss an einen Verband habe ich einen ethischen Kodex akzeptiert, der ebenfalls Leitlinien bietet. Auf Basis dieser Grundlage reflektiere ich eigene Coaching-Erfahrungen und beziehe Erkenntnisse aus Supervisionssitzungen und Peer-to-Peer-Austauschen ein. Zur Professionalität gehört auch die Reflexion der eigenen Wahrnehmung. Habe ich ähnliche Situationen erlebt? Reagiere ich stärker, als es die aktuelle Lage erfordert? Diese Klärung hilft, vorschnelle Entscheidungen zu vermeiden.
Für das konkrete Beispiel ergibt sich ein zentraler Entscheidungspunkt: Liegt eine akute Gefährdung vor? Und wie reagiere ich angemessen auf diese Einschätzung?
Die folgende Variante ist kein Rezept. Sie ist ein Beispiel dafür, wie eine Handlungslinie aussehen könnte. Ich gehe das Gespräch gedanklich noch einmal durch. Komme ich aufgrund von Sprache, Mimik und Verhalten zum Schluss, dass eine akute Gefährdung besteht, spreche ich dies klar an. Ich mache transparent, dass ich in dieser Situation die Vertraulichkeit begrenze. Gleichzeitig benenne ich meine Wahrnehmung und meine Verantwortung – insbesondere im Hinblick auf das Kind. Daraus folgt eine klare Bitte: eine sichere Alternative, etwa ein Taxi. Sollte sich der Coachee weigern, kündige ich an, die Zusammenarbeit zu beenden, und mache deutlich, dass ich mir als letzte Eskalationsstufe die Information Dritter vorbehalte.
Andere Vorgehensweisen sind denkbar. Entscheidend ist, dass sie nicht erst im akuten Moment entstehen. Wer sich mit einem ethischen Dilemma auseinandersetzt, prüft mögliche Optionen, wägt Werte und Risiken ab und klärt, welche Handlung zur eigenen professionellen Verantwortung passt.
Modelle wie das hier angewendete ACTION-Modell von Turner & Passmore (2018) oder der Global Code of Ethics bieten Orientierung. Nicht als Vorgabe. Sondern als Rahmen für eine geklärte Haltung.
Wenn Sie solche Fragen vertiefen möchten: In unseren Ausbildungen schaffen wir Raum, genau diese Spannungsfelder gemeinsam zu reflektieren – praxisnah, fundiert und mit Blick auf Ihre eigene Haltung.
